Sonne der Gerechtigkeit - Gedanken zum Wochenlied

|   Das geistliche Wort zum Sonntag

Mit einem Lied beginne ich jeden Tag.

Gerade jetzt.

Ich singe ganz für mich allein. Mal laut, meistens leise in alle Früh.

To sing by heart.

Ich singe mit dem Herzen. Es klingt in meinem Kopf.

 

Ähnlich erleben wir Lieder nun auch als Gemeinde.

Wir nehmen unsere Stimmen zurück in diesem Corona-Sommer.

Wir singen mit dem Herzen, manchmal auch mit den Händen.

Wir lauschen der Orgel und lesen mit. Wir freuen uns am Chor. Summen. Klatschen.

Und entdecken manch alten Choral ganz neu.

Seit Tagen klingt das Lied der Woche in mir:

„Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit,

brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann. Erbarm dich,Herr!“

Die Sängerinnen des Kirchenchors haben es gerade in unsere Herzen gesungen.

Wir haben die Melodie noch im Ohr:

Sie erhebt sich in einem weiten Bogen wie die Sonne über dem  Horizont.

Dann bringt sie die Gerechtigkeit schwungvoll weiter von Takt zu Takt

und mündet in der dringenden Bitte „Erbarm dich, Herr!“.

Das sind Töne des Widerstands. Kraftvoll. Bewegt. Entschlossen.

Sie stammen aus dem 16. Jahrhundert von den Böhmischen Brüdern.

Böhmische Brüder?

Das war eine reformatorische Bewegung, 100 Jahre vor Martin Luther.

Sie führte sich auf Jan Hus zurück,

der 1415 auf dem Konzil von Konstanz für seine Kirchenkritik verbrannt wurde.

Die Böhmischen Brüder und Schwestern wollten eine Kirche

nach dem Beispiel der Urgemeinde.

Sie teilten ihr Eigentum. Sie verweigerten den Kriegsdienst.

Und sie waren leidenschaftliche Sängerinnen und Sänger.

Ihre Gesangbücher in tschechischer Sprache waren sehr populär.

Die Böhmischen Brüder waren eine Minderheitskirche

in ständigem Widerstand gegen Rom und seine Macht.

 

„Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit...“

Das dichtete Christian David, ein junger Mann aus Senftleben.

Während seiner Zimmermannslehre fand er Kontakt zur Brüderunität.

Er war katholisch erzogen,

aber der Mut und die Leidenschaft der Evangelischen begeisterten ihn.

Deren Verkündigung. Deren Lebenspraxis. Deren Lieder.

Christian David wurde selbst Prediger.

Zu seiner Zeit wurden die Böhmischen Brüder stark verfolgt. Viele wurden inhaftiert.

Da bat die Gemeinde ihren Prediger, die Auswanderung vorzubereiten.

 

Christian David lernte Nikolaus Graf von Zinzendorf kennen,

der die verfolgte Gemeinde – rund 250 Gläubige –

einlud auf seine Güter in Sachsen.

1722 gründete Christian David mit dem Grafen Herrnhut als evangelische Kommunität.

Vielen von uns ist Herrnhut bekannt durch die Tageslosungen.

Auch dort begann man jeden Tag mit einem Lied

und eines dichtete Christian David selbst:

 

„Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit,

brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann. Erbarm dich, Herr!“

Vielleicht inspirierte ihn dabei eine Tageslosung

aus dem letzten Kapitel des Alten Testaments.

 

„Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit

und Heil unter ihren Flügeln.“ Maleachi 3, 20

Im Neuen Testament, im Lied des Zacharias, wird dies Bild auf Jesus bezogen.

Und so hat es sicher auch Christian David gemeint.

Jesus ist die Sonne der Gerechtigkeit,

die besonders die Armen, die Kranken und Verfolgten mit ihren Strahlen berührt.

Jesu Gerechtigkeit ist keine abstrakte Gleichmacherei

sondern immer eine konkrete Hinwendung zu den Benachteiligten.

Er lässt die Sonne der Gerechtigkeit scheinen über dem Volk, das im Finsteren wohnt.

Er macht die Unsichtbaren sichtbar.

All das wünschte sich Christian David auch für die Kirche seiner Zeit.

Er setzte sein ganzes Leben dafür ein.

Er wurde Missionar der Herrnhuter, der Erneuerten Brüderunität

und gründete Gemeinden in Holland, in Island, auf Grönland und in Pennsylvanien.

Er blieb ein unruhiger Geist, ein leidenschaftlicher Sänger,

ein evangelischer Christ eben.

 

„Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit...“

Zu unserer Zeit. In diesem speziellen Sommer 2020.

„Brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann. Erbarm dich,Herr!“

 

Wir werden nicht verfolgt wie die Böhmischen Brüder.

Aber auch unsere Kirche steht unter Druck:

Ihr wird die Relevanz abgesprochen von einer säkularen Gesellschaft.

Junge Leute treten scharenweise aus und bestreiten,

dass die Kirche Jesu Christi noch eine Bedeutung für ihr Leben hat.

Diese Entwicklung wird unsere Volkskirche sehr verändern, im besten Fall reformieren.

Worauf konzentrieren wir uns? - Auf die Sonne der Gerechtigkeit!

Auf die alte und immer wieder neue Arbeit, die Unsichtbaren ins Licht zu ziehen

und den Stillen im Lande eine Stimme zu geben.

Das ist unsere Aufgabe um Jesu willen. Gerade in diesem Sommer.

„Lass uns deine Herrlichkeit ferner sehn in dieser Zeit.

Und mit unsrer kleinen Kraft üben gute Ritterschaft. Erbarm dich Herr!“*

 

Christian David hat nicht das ganze Lied gedichtet,

nur diese beiden Strophen 1 und 6.

Das ganze Lied ist eine Ko-Produktion über zwei Jahrhunderte.

Die übrigen Strophen stammen von einem württembergischen Buchverleger

und einem sächsischen Waisenhausinspektor.

Alle drei mit dem schönen Vornamen Christian...

Bleiben wir heute bei Christian David,

dem unentwegten Missionar und Sänger der Herrnhuter.

Dass seine, dass unsere Kräfte begrenzt sind,

die Kirche zu erneuern, geschweige denn die Welt zu retten,

erinnert er in jeder Strophe.

Sein Lied ist ein einziger Ruf nach Gottes Barmherzigkeit,

nach seiner Nachsicht mit unseren fehlerhaften Versuchen.

Keiner soll sich um Gottes willen überschätzen, überfordern.

Aber eben auch nicht unterfordern!!

 

„...und mit unsrer kleinen Kraft üben gute Ritterschaft...“

Nicht weniger wollen und sollen wir sein:

tapfer, widerständig und musikalisch – wie der alte Herrnhuter.

 

Versucht es heute, morgen, vielleicht jeden Tag:

Beginnt euren Tag mit einem Lied

und lasst euch die Tapferkeit nicht rauben in diesem Jahr!

 

Pfarrerin Ulrike Scholtheis-Wenzel

 

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* Die Liedauslegung orientiert sich am ursprünglichen Text von Christian David.

1973 wurden die Strophen ökumenisch modernisiert.

Beide Fassungen stehen im Evangelischen Kirchengesangbuch nebeneinander.

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Pfarrerin Ulrike Scholtheis-Wenzel
Pfarrerin Ulrike Scholtheis-Wenzel