Predigtgespräch am Reformationssonntag anläßlich der Verleihung des Grünen Hahns an die Kirchengemeinde

„Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.“

Predigt-Gespräch mit dem Grünen Hahn
am Reformationssonntag 2021


Ulrike Scholtheis-Wenzel:

Der Hahn ist als erster wach.
Er ahnt den neuen Tag vor allen anderen
und weckt sie mit seinem rauhen Schrei.

Hier und heute begrüße ich gleich vier Hähne,
vier Männer, die früher als andere wach waren
für die Herausforderungen des Klimawandels:
Werner Bohn, Burkhard Gosch, Andreas Jacob und Gerhard Pfeifer.
(Eigentlich gehört auch Gerald Knöbel noch zur Gruppe.)
Sie haben uns immer wieder geweckt mit ihren Initiativen und ihrer Kritik,
mit Presbyteriumseingaben und BRÜCKE-Artikeln.
Heute wird ihre Hartnäckigkeit mit der Verleihung des Grünen Hahns
an die Kirchengemeinde belohnt.
Burkhard, du warst von Anfang an dabei.


Burkhard Gosch:

Unsere Initiative begann nach dem Kirchentag 2013 in Hamburg.
Wir waren hoch motiviert, endlich etwas zur Bewahrung der Schöpfung zu tun.
Gerald Knöbel und ich besuchten eine Tagung der rheinischen Landeskirche und
lernten dort das Umweltmanagementsystem Der Grüne Hahn kennen.
In Bad Sobernheim machten wir uns gleich an die Arbeit,
notierten Energieverbräuche, tauschten Glühbirnen aus, sorgten für umweltfreundliche Beschaffung durch unser Gemeindebüro und vieles andere mehr.
Das Zertifikat war uns erst einmal nicht so wichtig.
Wir wollten ganz praktisch Dinge verändern.
Seit Oktober 2013 treffen wir uns monatlich unter der Leitung von Andreas Jacob.


Ulrike Scholtheis-Wenzel:

Ihr gabt Euch den Namen „Der Grüne Hahn“ -
obwohl er Euch genau genommen noch gar nicht zustand.
Ihr wolltet die Gemeinde wecken, Diskussionen anstiften, Veränderungen einleiten.
Ihr wolltet im besten Sinne reformieren.
Und darum passt es bestens, die offizielle Verleihung des Grünen Hahn
am Reformationstag zu feiern.
Am 31. Oktober 1517 – so die Legende –
weckte der Hahn – pardon: die Nachtigall – von Wittenberg
das beschauliche Städtchen mit 95 Thesen.
Martin Luther provozierte so eine öffentliche Diskussion
über die kirchlichen Missstände seiner Zeit  und viele wurden wach.
Seine 1. These: „Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte:
„Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbei gekommen!“,
wollte er, dass das ganze Leben der Glaubenden Buße sei.“
Ihr habt Euch den Reformator zum Vorbild genommen
und selbst 9,5 Thesen zum Klimaschutz verfasst.
Wie lautet Eure erste These?


Werner Bohn:

„These 1: Wenn wir uns auf Jesus Christus berufen, sollten wir versuchen,
unser ganzes Leben nach seinen Grundsätzen auszurichten.
Dazu gehört auch der göttliche Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung.
Nach den Worten von Jesus Christus heißt das also:
„Stellt euch eurer persönlichen Schuld, findet zu richtigem und verantwortungsvollen Handeln in eurem Leben und ändert eure Lebensführung radikal.“


Ulrike Scholtheis-Wenzel:

Ganz schön radikal-reformatorisch!
Was meint Ihr denn konkret damit, wenn Ihr auffordert,
die Lebensführung radikal zu ändern?


Andreas Jacob:

Für mich persönlich fängt das schon bei der Ernährung an.
Ich verzichte immer mehr auf Fleisch und
habe mich vor ein paar Jahren stark gemacht für das vegetarische Gemeindefest.
Ich bevorzuge regionale und saisonale Produkte:
Äpfel statt Bananen, Kohlrabi statt Avocado...
Und bei der Mobilität geht es weiter.
Ich verzichte, wo es geht, auf das Auto,
nutze mein Fahrrad oder den öffentlichen Nahverkehr.


Ulrike Scholtheis-Wenzel:

Ganz praktisch im Sinne eines glaubwürdigen Schöpfungshandelns.
Ich verstehe.
Und wo könnten wir die Klima-Reformation konkret in der Kirche spüren?


Gerhard Pfeifer:

Ihr glaubt gar nicht, wieviel Energie wir durch die Winterkirche eingespart haben,
dadurch dass wir von Januar bis März im Gemeindezentrum Gottesdienst feierten!
Im letzten Corona-Winter war das nicht möglich.
Da haben wir der Gemeinde zugemutet,
bei schattigen Temperaturen in der Matthiaskirche  zusammen zu kommen.
Zwei Grad weniger am Sonntagmorgen sind doch ein kleiner Preis fürs Klima!

 

Ulrike Scholtheis-Wenzel:

Soviel zu Eurer These 1. Ich bin gespannt auf die 2..


Werner Bohn:

„These 2: Es irren die Abwiegler, die behaupten,
Klimawandel sei weder schlimm noch Menschen gemacht und damit auch hinnehmbar.
Wir können uns nicht darauf verlassen, dass eine göttliche Macht
oder technische Superlösungen die Schöpfung erlösen und uns auf dieser Erde retten.
Dafür sind wir selbst verantwortlich.“


Ulrike Scholtheis-Wenzel:

Jetzt doch einmal ein Einwand von mir als Theologin und Eurer Pfarrerin!
Luther wollte seine Gemeinde von der Angst befreien,
von der Angst vor der Hölle, mit der sich damals richtig Geld machen ließ.
Er wollte sie auch vor Überforderung befreien,
vor Überforderung durch einen gesetzlichen, moralischen Glauben.
Ihm ging es um erleichterte Menschen, die freiwillig das Gute tun.
Sind Eure Thesen nicht eine neue Überforderung?
Fordern sie nicht Moral durch Angst?


Werner Bohn:

Ein bisschen Angst schadet nichts,
sonst geht doch die ganze Welt zur Hölle!


Andreas Jacob:

Ich würde es anders ausdrücken.
Wir wollen nicht Angst machen. Wir wollen wach machen und bewusst.
Das ist doch gut prophetisch.
Außerdem erlebe ich: Wenn ich mein Leben ändere, erlebe ich nicht nur Verzicht,
sondern vielmehr Bereicherung, einen Gewinn an Lebensqualität.
Das war ein starker Eindruck beim jährlichen Klimafasten.
Ich entdecke, wer schon alles mit auf dem Weg ist.
Das macht Mut und nimmt Angst!


Werner Bohn:

Unsere 3. These ist mir noch sehr wichtig.
Die übrigen bekommt Ihr alle am Ausgang schriftlich.
Aber die 3. These lese ich noch vor:
„Unausweichlich wird deshalb der größte Teil der Menschheit betrogen
durch die großspurige Zusage der Rettung und Erlösung ohne Veränderung unserer Lebensweise.“


Gerhard Pfeifer:

Warum uns vom Grünen Hahn diese These so wichtig ist?
Wir wollen das Bewusstsein dafür wecken, dass die Umweltschäden,
die wir hautpsächlich in den Industrieländern verursachen,
vor allem die Entwicklungsländer schädigen.
Der Klimawandel ist und wird immer stärker der Hauptmigrationsgrund.
Darauf hat Claudia Füllkrug-Weiztel, die Präsidentin von Brot für die Welt,
auf den Kirchentagen immer wieder hingewiesen.
Klimawandel wird die erste Fluchtursache...


Ulrike Scholtheis-Wenzel:

Oh je! Je länger ich Euch zuhöre, desto mehr denke ich:
Hatte Luther es doch gut!
Er schlug sich mit innerkirchlichen Konflikten herum, mit dem Ablasshandel.
Wir sind durch eine globale Krise gefordert.
Vor diesem Hintergrund müssen wir wach sein und
die Freiheit des Evangeliums praktizieren.
Persönlich und kirchlich stehen uns große Transformationen bevor.
Ecclesia semper reformanda – wie wahr!
Aus unserem Glauben heraus werden wir mit allen paktieren,
denen die Zukunft der Kinder und Enkel am Herzen liegt.
Mit aller Energie – und aller evangelischen Demut...


Burkhard Gosch:

Eins will ich noch sagen:
Wir sind hier keine Besserwisser oder Bessermacher.
Unsere 9,5 Thesen wollen zur öffentlichen Diskussion auffordern.
Und wir freuen über Reaktionen wie Luther damals auch.
Sprecht uns an! Schreibt uns! Mailt uns! Reagiert auf Facebook oder Instagram!
Als Christen ist der Klimaschutz einfach unser Herzensanliegen
„Zum Wohl der Erde, zum Wohl des Landes, zum Wohl unserer Kinder und Enkel:
Engagiert Euch für den Klimaschutz!“
So lautet unsere letzte halbe These.


Ulrike Scholtheis-Wenzel:

Danke, Euch grünen Hähnen, dass Ihr Eure Kirchengemeinde weckt
heute und immer wieder – aus dem Schlaf der Sicherheit.
Im Sonntagsevangelium steht der Jesus-Satz:
„Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit,
denn sie sollen satt werden.“
Dies Wort soll Euch Segen und Ansporn sein.
Nehmt es persönlich und zu Herzen. Amen.

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Superintendentin Astrid Peekhaus und die Gruppe Grüner Hahn bei der Überreichung der Urkunde unserer Landeskirche