Predigt zur Christmette 2021 zu Micha 5 von Christian Wenzel

Weihnachten – die Geburt Jesu in der kleinen Stadt Bethlehem - darauf setzen wir: auf dass die winzigste Hoffnung uns stark macht und auf die Beine hilft.

 

Liebe Gemeinde,
Große Dinge starten ganz klein, nicht immer und überall. Aber das ist gerade das Besondere an Weihnachten, wo wir heute Nacht noch einmal besonders hinschauen auf die „kleine Stadt Bethlehem.“
    Dass die winzigste Hoffnung Großes zur Welt bringen kann, ist – allerdings - keine Erfindung des Christentums: Wir sind mit dieser Hoffnung nicht allein unterwegs – und das ist für sich schon mal eine gute Botschaft. Lange vor Jesus haben schon Jüdinnen und Juden darum gewusst, wie in dem wunderbaren Prophetenbuch von Micha lesen, das immer schon zur christlichen Bibel gehörte und daran erinnert, welche Erwartungen schon immer an die Geburt des Jesuskindes in der „kleinen Stadt Bethlehem“, in armseligster Stallumgebung, seit Jahrhunderten antreibt, dass Großes aus der allerwinzigsten Hoffnung werde.

So lesen wir bei Micha:
Du aber, Betlehem Efrata, bist zwar klein unter den Sippen Judas; doch aus dir wird () die Gestalt hervorgehen, die in Israel herrschen soll. Ihr Ursprung liegt in der Vorzeit, in den Tagen der Frühzeit.
Deshalb gibt Gott sie hin bis zu der Zeit, da die Gebärende geboren hat und der Rest ihrer Geschwister zu den Kindern Israels zurückkehrt.
Und er wird auftreten und weiden in der Kraft des HERRN, im erhabenen Namen HERRN, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn jetzt wird sie groß sein bis zu den Enden der Erde. Und das wird der Friede sein.
Ganz ehrlich, liebe Gemeinde,
    bei aller meiner eigenen – theologischen - Begeisterung für den Propheten Micha an diesem Weihnachten, ich vermute: für die Allermeisten sind diese alten Texte befremdlich. Vermutlich, weil er sie schon so alt sind: Micha noch viel älter ist als unsere Weihnachtsgeschichte aus Lukas. - Verständlich.
Abgesehen davon, blenden wir unseren Alltag nicht völlig aus. Da gehen uns an diesem Weihnachten noch ganz andere Dinge durch den Kopf.
Wie kann man sich erhoffen, aus so ferner Vergangenheit Rat für heute zu erhalten? - Und mir geht es nicht anders.

Wir fragen uns alle: Worauf setzen wir unsere Hoffnung ín diesen Tagen auf die Rückkehr zu einem »normalen« Leben?
Medizin und Wissenschaft machen uns keine Versprechungen. Und wenn schon: dann hoffentlich keine falschen. - Ansonsten:
Wenn der heimtückische Virus überwunden sein wird, wären da ja noch ganz andere Aufgaben, die zu bewältigen sind: Klimakatastrophe, Arten sterben, Armut, Ausbeutung, Kriege, Diktaturen werden bedrückende Realität bleiben.

Doch ich möchte mir das Weihnachten auch nicht nehmen lassen, wie wir alle hier, die sich auch wieder anmelden mussten, und damit vielleicht bewusster da sind eigenen Erwartungen … , aber sich nicht „gläubiger“ geworden wegen all der Krisen: Krisen machen Menschen nicht automatisch schlauer. Eher umkehrt. Ansonsten ist das, was wir gerade erleben ja wirklich „neu“; wenigstens für meine Generation. Denke ich:
    Aufgewachsen im Wohlstand der Bundesrepublik mit der kaum gedachten Wiedervereinigung, schien die endgültige Lösung der wichtigsten Menschheitsprobleme nur noch einen Schritt entfernt.
Da treffen solche existenzgefährdenden Krisen ins Mark.
Wie soll man da nicht verzweifeln? -
Der beste Spruch, den ich dieser Tage gelernt habe ich der:
„Man muss mit allem rechnen. - Mit allem, aber auch mit dem Guten!“
„Man muss mit allem rechnen. - Auch mit dem Guten!“
    Der Spruch passt – für mich - auch zu der ur-alten Verheißung von Micha, die sie zum Teil „gegen den Trend“ und „befremdlich“ daherkommen:
Micha war äußerst kritisch, einer, der - entgegen seinen Zeitgenossen - mit „allem rechnete“, aber eben auch mit dem Guten, der die Winzigkeit der „kleine Stadt Bethlehem“ setzte.

Micha lebte lange vor Jesus. Im 8.ten Jahrhundert vor seiner Geburt.
Bethlehem schon damals der Ort, an dem Großes begann. Dort wurde niemand anders als David zum König gesalbt. Von Samuel. Da war David von sehr jung.
Niemand hatte von ihm im Traum an ihn als König gedacht.
Und das genau ist die Parallele zu Jesus:
Wie bei David, wählt Gott eben nicht, »was vor Augen ist«, sondern ER sieht »das Herz an«.
Das Kleine, das Arme, weit weg von Eliten, von politischer Macht und wirtschaftlicher Stärke – das ist prädestiniert für die göttliche Erwählung.
Darum Micha an Weihnachten:
Bethlehem war immer schon bekannt als „kein“ mit großer Hoffnung.
Und so war es für die Jesusgläubigen kein Zufall, dass Jesus dort geboren wurde.

Micha, der Prophet, wurde aber nicht nur wegen seines Alters unter Christinnen und Christen geschätzt. Sondern auch wegen seiner offenen und kritischen Worte – in vielem Jesuswortenn – ähnlich.
Mit scharfer Kritik trat er gegenüber den Mächtigen auf:
Sie berauben das Volk, war sein Vorwurf.
Sie missachten das Gesetz.
Wenn die Herrscherschicht nicht mit ihrem Unrecht aufhört, dann geht sie unter und mit ihr Jerusalem samt Tempel! - Seine kritische Predigt.

Micha war unbequem.
Er war nicht der Einzige. Vor allem gegen die, die sich vor der Verantwortung drücken. Alles laufen lassen.
Er war nicht der Einzige. Es gab noch andere. Jesaja oder Hesekiel. Auch Propheten, die zu unserem Weihnachten passen und gelesen, erinnern: Trotz aller Kritik an allem, was schieflläuft: die Hoffnung hochgehalten.
Einige der Hoffnungsgrundsätze der Propheten sind auch bei Micha erhalten. Wie zu lesen ist:
    • Der Rest der Geschwister der zerstreuten Israeliten kehrt ins Land zurück (V 2).
    • Der König Israels - im Bild für den guten Hirten – wird wieder eingesetz: der „König, der der gute Hirte ist für das Volk. Einer,der in der Kraft Gottes weiden wird (V 3). So auch beim Propheten Ezechiele. (vgl. Hes 34,23; 37,24) – oder
    • Der erwartete Herrscher wird »Schalom«, Friede genannt (V 4a).
Liebe Gemeinde, das will heißen:
Wir Christen und Christinnen sind mit unserer Erwartungen an das Jesuskind in der Krippe und der Winzigkeit unserer Hoffnung also nicth allein unterwegs.

So alt und befremdlich uns diese Traditionen aus vergangener Zeit auch sind:
Mit diesem Fest halten wir unsere aller-winzigsten Hoffnungen hoch.

Durch und durch und durch friedliche Erwartung.
Hoffnung für die kleinste Hütte.
Hoffnung mit der jüngsten, gerade Geborenen – auch „Reste seiner Glaubensgeschwister“ finden wir
in der großen Gemeinde Gottes auf Erden.
Dass alles Zerstreute »Ruhe« finde.
Weihnachten – die Geburt Jesu in der kleinen Stadt Bethlehem -
darauf setzen wir: auf dass die winzigste Hoffnung uns stark macht und auf die Beine hilft.

Solange wir diese Bilder und Erzählungen erinnern, die durch die Jahrtausende Menschen durch getragen haben, durch Tiefen und Katastrophen – Gegenbilder zu denen, die sich vor Verantwortung drücken und „alles laufen lassen“ - braucht uns nicht bang sein.
Und denkt mal dran. „Man muss mit allem rechnen. - Auch mit dem Guten!“ -  Ein frohes Fest.
Amen.

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Bethlehem, Stepan Zavrel