Predigt zum Konfirmationsjubiläum am 6. Juni 2021 in der Matthiaskirche - Pfarrerin Urike Scholtheis-Wenzel

Heute öffnen sich die Pforten der Matthiaskirche weit für die Schar der goldenen, diamantenen, eisernen,

der Gnaden- und Kronjuwelenkonfirmanden. Dieses und des vergangenen Jahres.

Viele von Ihnen haben seit Beginn der Pandemie
keinen Fuß mehr über die Schwelle des Gotteshauses gesetzt.
Aus gutem Grund!
Und ausdrücklich Verständnis haben wir auch für die,
die Predigt und Urkunde des Jubiläums doch lieber per Post erhalten wollten.

Heute öffnen sich die Pforten der Matthiaskirche
so weit wie möglich und vernünftig
für die Generation des besonders Gefährdeten, besonders Geschützten
und der so oft Vereinsamten.

Herzlich willkommen im Namen Jesu Christi,
dessen Geist uns alle getragen und getröstet hat durch dieses so schwierige Jahr!
Herzlich willkommen im Namen des Heilands, des Arztes,
der sein Wort verspricht für unsere angegriffenen Seelen!

Sein Wort -  die Jahreslosung aus dem Lukasevangelium (6,36):

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Seltener fand ich eine Jahreslosung passender als diese
für das zweite Jahr der Pandemie.
Denn die Nerven liegen blank, der Neid wird immer offensichtlicher
und der Umgangston vielerorts unverschämt.
Wozu hat ein 73 Jähriger einen Baseballschläger im Auto
und nimmt ihn zur Hand aus nichtigem Grund?
Welche Wut ist da auf dem Sprung?
Vielen fällt es immer schwerer, sich in andere einzufühlen,
in andere Generationen, geschweige denn andere Kulturen.

„Jesus sagt: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Er sagt das in der Feldrede,
der kleinen Schwester der bekannten Bergpredigt.
In meiner Basisbibel trägt sie die schöne Überschrift „Predigt am Fuße des Berges“.
Da redet Jesus sehr volksnah, bodenständig.
Und er wendet sich ausdrücklich an die leidende Menge.
Namentlich an die Armen, an die Trauernden und die politisch Verfolgten.
Aber im Zusammenhang auch an viele Kranke, Alter, Vereinsamte.
Wir schließen uns ein.
Das leidende Volk Gottes tröstet der Heiland und nimmt es gleichzeitig in die Pflicht.
Gerade die angegriffenen Menschen nimmt er ernst
und traut ihnen ein Leben in seiner Nachfolge zu: gewaltfrei und tolerant.

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

In der Feldrede steht dieses Wort
zwischen dem Gebot der Feindesliebe und der Warnung vor schnellem Urteil.
Im Kleingedruckten lese ich:
Tut Gutes ohne Gegenleistung!
Ihr kennt doch das Gleichnis vom barmherzigen Samariter.
Habt Geduld mit den Undankbaren!
Das lese ich zweimal: Habt Geduld mit den Undankbaren!
Dann noch: Haltet euch mit eurem Urteil über andere zurück.
Liebe Gemeinde, diese Predigt am Fuße des Berges
nehmen wir eins zu eins hinüber in unsere Zeit.
All das ist gemeint mit Barmherzigkeit:
eine Haltung der Nachsicht und ein Handeln aus Großzügigkeit.
Das steht uns als Christenmenschen gut zu Gesicht.

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Noch eines wurde mir bei meinem Bibelstudium wichtig,
beim Vergleich mit der großen Bergpredigt:
Da heißt es an vergleichbarer Stelle:
„Ihr sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“ (Mt 5,48)
Das kommt von Mose her:
„Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der HERR, euer Gott.“ (3.Mose 19,2)
Heilig, vollkommen – das ist mir heute zu hoch.
Dazu fehlt mir die Kraft nach den letzten eineinhalb Jahren.
Aber barmherzig – ja!
Das ist menschliches Niveau nach göttlichen Maß. Das ist möglich.

In meinem Gesangbuch fand ich das Gebet einer Äbtissin (EG 979):

„Herr, du weißt, dass ich altere und bald ganz alt sein werde...
Ich habe nicht den Ehrgeiz, eine Heilige zu werden.
(Mit manchen von ihnen ist so schwer auszukommen.)
Und ein scharfes altes Weib ist eins der Meisterwerke des Teufels.
Mache mich teilnehmend, aber nicht sentimental,
hilfsbereit, aber nicht aufdringlich.
Gewähre mir, dass ich Gutes finde bei Leuten, wo ich es nicht vermutet habe.
Und schenke mir die Liebenswürdigkeit, es ihnen auch zu sagen.“

Liebe Jubilarinnen und Jubilare,
lasst uns um Jesu willen barmherzig sein! Nicht vollkommen. Nicht heilig.
Ihr kennt doch das Gleichnis vom barmherzigen Vater,
der den verlorenen Sohn in seine Arme schließt.
Das ist mein Hoffnungsbild für uns alle,
dass wir einmal wieder aufeinander zugehen können,
uns wieder in die Arme schließen können und
einander alle Ungeduld, alle Achtlosigkeit und allen Neid endlich vergeben können.
Es wird noch einige Zeit dauern. So ganz ohne Abstand.
Aber heute schon können wir beginnen mit menschlicher Barmherzigkeit nach
göttlichen Vorbild. Amen.

Pfarrerin Ulrike Scholtheis-Wenzel

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Pfarrerin Ulrike Scholtheis-Wenzel
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