Predigt am 09. Juni 2024 – 2. Sonntag nach Trinitatis

Epheser 2, 19

Nach einer Fülle festlicher Sonntage von Ostern bis Pfingsten und darüber hinaus

hatte ich große Lust auf eine schlichte Predigt.

Ich freute mich auf theologische Arbeit,

auf persönliche Gespräche über den Bibeltext

und auf einen geistgewirkten Gedankenaustausch mit Euch.

Et voilá, unser Zuspruch und unsere Herausforderung aus dem Epheserbrief:

„So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge,

sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.

Denn Christus ist unser Friede.“ (Epheser 2, 19 (+14a))

Ich erinnerte mich gleich:

Das war Renatos Taufspruch am 3. Advent 2017.

Renato Jolla sollte Küster werden in der Matthiaskirche.

Zwei Jahre zuvor war er mit seiner Frau und drei kleinen Söhnen aus Albanien geflohen.

Von Anfang an standen wir mit der Familie in freundlichem Kontakt.

Eriola Jolla war orthodoxe Christin.

Die drei Jungen besuchten den Kindergottesdienst und wurden evangelisch getauft.

Wir standen gemeinsam kritische Zeiten durch: Der Asylantrag wurde abgelehnt,

aber über ein Härtefallverfahren erstritt das Presbyterium ein Bleiberecht.

Und nun sollte Renato – aufgewachsen ohne Gott und Religion – getauft werden.

Er hatte unzählige Gottesdienste miterlebt und versucht, etwas zu verstehen.

Er hatte mitangepackt, wo es nötig war.

„So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge,

sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. Denn Christus ist unser Friede

Es war ein festlicher, ein beglückender Moment, in dem die Fremdheit verschwand

und ein Mensch fühlte: Ich gehöre wirklich hierher und dazu. Um Christi willen. Ja.

 

Ich weiß, die Situation in Ephesus an der Schwelle zum 2. Jahrhundert

war unvergleichlich.

Damals ging es um die Integration von jüdischen und nichtjüdischen Christen

in einer Gemeinde.

Da gab es Gräben im Religions- und Weltverständnis,

die wir kaum nachvollziehen können.

Es ging um die Beschneidung, um Speisevorschriften und Festrituale.

Das alles war den nichtjüdischen, den griechischsprachigen Weltbürgern völlig fremd.

Da schrieb ein Schüler von Paulus diesen Brief nach Ephesus

und versuchte Brücken zu bauen.

Denn um Christi willen sollen die Mühseligen und Beladenen in der Gemeinde willkommen sein und die Fremden neue Heimat finden.

Und das bleibt bis heute wichtig.

 

„So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge,

sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.

Denn Christus ist unser Friede.“

 

Beim ökumenischen Mittagessen am Pfingstmontag

saß ich neben fünf iranischen Glaubensgeschwistern.

Ich lud sie ein, mit mir über den Ephesertext zu sprechen:

Nadya und Sina, Bahare und Hossein und Reza -

Expertinnen, Experten in Sachen Fremdsein.

Alle wurden in den Islam hinein geboren.

Sie erzählten mir von bewegten Glaubens- und Lebenswegen:

Hossein, der Bauingenieur, fand schon im Iran zum christlichen Glauben.

Taufen ließ er sich 2013 – zur Sicherheit in der Türkei.

Später musste er sein Heimatland doch aus Glaubensgründen verlassen.

Bahare, die Friseurin, lernte ihn in der Türkei kennen und lieben

und mit ihm den christlichen Glauben.

2016 wurde sie getauft und ließ sich im Internet zur theologischen Lehrerin ausbilden.

Sina, ausgebildeter Ingenieur für medizinisches Gerät,

und Nadya, studierte Lebensmittelfachfrau wurden im Dezember 2022

in der interkulturellen Kirchengemeinde in Bad Kreuznach getauft.

Alle vier haben lange und gefährliche Fluchtwege, zum Teil zu Fuß, hinter sich.

Nadya sagt: „Immer wenn ich aufwache, danke ich Gott, hier zu sein,

ohne Angst zu leben. Ich bin sehr glücklich.“

 

„Aber“, ich unterbrach ihre Euphorie „ wenn Ihr als junge Christen,

als junge Menschen in unseren Gottesdienst kommt, fühlt Ihr Euch fremd?“

Und ich dachte mir: Sicher müssen sie sich fremd fühlen.

Allein die Sprache, die Liturgie, die vielen grauhaarigen Menschen.

Doch Hossein überraschte mich:

„In der Kirche bin ich unter Leuten, die meinem Glauben teilen. Das zählt für mich.

Ich brauche keine Übersetzung. Ich weiß auch so, sie reden über Christus,

sie lesen in der Bibel. Das genügt mir.“

Bahare nickte und sagte theologisch geschult:

„Wir sind ein Leib Christi, auch wenn wir verschiedene Sprachen sprechen.“

Als würde sie den Epheserbrief als Ganzes gut kennen.

Da wird die Kirche beschrieben als Leib Christi.

Und je mehr sich der einzelne Christ an dem Haupt, Christus, orientiert,

desto lebendiger wird der Organismus.

 

Fast zu schön, um wahr zu sein! Darum insistierte ich:

„Aber wir können doch sicher noch etwas tun,

damit der letzte Rest Fremdheit verschwindet?“

Da kam Bewegung in den Dialog.

Sina, der auch zertifizierter Sprachmittler ist, schlug Simultanübersetzungen

für Teile des Gottesdienstes vor, vielleicht in einer Ecke der Kirche. Er sei bereit!“

Dagegen Bahare:“ Ein Gottesdienstbesuch ist für mich auch ein Sprachkurs.

Bei einem Thema, das mir so am Herzen liegt, lerne ich die neue Sprache leichter.“

Interessant!

Schließlich schlugen Nadya und Sina noch einen jungen interkulturellen Chor vor.

„Wenn wir aktiv mitmachen, wenn wir die Initiative ergreifen,

hilft das auch, sich zu Hause zu fühlen.“

 

„So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge,

sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.

Denn Christus ist unser Friede.“

 

Liebe Gemeinde, nach diesem erfrischenden und überraschenden Bibelgespräch

beim Café International dachte ich:

Ich kenne viele andere Leute in unserer Gemeinde,

die fühlen sich in unserem Gottesdienst fremder als die fünf aus dem Iran!

Der Epheserbrief hat schon Recht: Je näher einer sich dem Haupt, Christus,

verbunden fühlt, desto weniger fallen Sprach- und Kulturbarrieren ins Gewicht.

Was aber ist mit den vielen, die ins Christentum hineingeboren und –getauft wurden,

denen Glaube und Gottesdienst aber immer fremd geblieben sind?

Wegen der Sprache. Auch Muttersprache kann unverständlich sein.

Wegen der musikalischen Kultur. Zu bildungsbürgerlich?

Oder weil das eigene Leben, die persönlichen und sozialen Probleme

nicht gesehen, jedenfalls in der Predigt nicht zur Sprache kommen?

Oder weil man sich noch nicht alt genug fühlt für die Kirche?

 

Christus sagt – und das ist unser Wochenspruch - :

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid -

Ihr Fremden, Ihr Armen, Ihr Jugendlichen, Ihr Überarbeiteten, Ihr seelisch oder körperlich Angeschlagenen - ich will euch erquicken!“

Von daher ist unsere Herausforderung als Kirchengemeinde sehr wohl,

Brücken zu schlagen zwischen den Welten,

die Schwellen in Sprache, Musik und Thema niedriger zu legen,

so dass weder Rollator noch soziale Herkunft noch Bildungsweg eine Rolle spielen.

„Christus ist unser Friede!“

Das ist die froh machende Nachricht, die alles Volk erfahren soll.

Der Ingenieur aus Teheran, die Taxifahrerin aus Steinhardt, der Förderschüler und die einsame Witwe. „Christus ist unser Friede.“

Er versöhnt uns mit Fremden und Freunden und auch mit uns selbst.

Er nimmt uns mit unseren Sünden, den inneren Gräben und Fremdheiten, an.

Das soll jeder verstehen und das ist unsere biblische Motivation für die kommende Woche:

„Christus ist unser Friede.“

 

Ulrike Scholtheis-Wenzel

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