Pfingstpredigt am 19. Mai 2024

zu Apostelgeschichte 2

Wie eine Rakete, die verspätet zündet,

so ist Pfingsten: das Wunder des Lebens.

Sieben Wochen braucht es, bis die Osterbotschaft vom Kopf ins Herz findet

und leuchtet, strahlt und funkelt.

Sieben Wochen braucht es, bis die uralte Geschichte vom Sinai –

inklusive Feuer und Sturm – vom Verstand in die Seele findet und begeistert.

Sieben Wochen von Pessach bis Schawuoth, 50 Tage von Ostern bis Pfingsten

(Pfingsten ist griechisch „ pentecoste“ und bedeutet schlicht 50).

 

Ein Wunder für Spätzünder, das ist Pfingsten.

Gott sei Dank, dass es das gibt! Denn so ist das im Leben oft:

Es braucht Zeit, erstaunlich viel Zeit,

bis die erkannte Freiheit gelebt werden kann,

bis die inneren und äußeren Gefängnisse aufspringen.

Sieben Wochen. Manchmal mehr.

Es braucht Zeit und ein Wunder des Heiligen Geistes.

 

Petrus und seine Freunde hatten sich zurückgezogen. Eingeschlossen.

Die Osterbotschaft war zu groß für sie.

Ein ganz neues Leben – das nahm ihnen den Atem und machte sie müde. Bleischwer.

Die Auferstehungsnachricht überforderte sie, machte ihnen Angst.

Sie überlegten tatsächlich, in ihr altes Leben zurückzuschleichen.

Wochenlang plagten sie sich mit dem Gedanken.

Bis Gottes Geist sie erfasste. Plötzlich und mit Macht: ein starkes Gefühl von Freiheit

und eine innere Bereitschaft für neue Wege, neue Begegnungen.

Pfingsten – ein Wunder für Spätzünder – damit beginnt die Kirche.

 

Petrus und seine Freunde verließen ihre selbst gewählte Isolation

und suchten die Begegnung mit Menschen aller Völker.

Das verlangt Kraft und Mut, einfach so auf Fremde zuzugehen,

sie anzusprechen ohne Scheu, ohne auf ihre Nationalität zu achten,

die Religion, das Geschlecht, das Alter. Das braucht Kraft und ehrliche Neugier.

Der Evangelist Lukas erzählt von einem Wunder an Kommunikation,

das der Heilige Geist da entzündet.

Menschen mit sehr verschiedenem Hintergrund verstanden Petrus und die anderen,

als sprächen sie ihre Muttersprache.

Sie spürten die starke Leidenschaft für Gott und die Welt,

vielleicht nicht Wort für Wort, aber vom Sinn her absolut.

Sie spürten die unbändige Liebe zum Leben, zur Freiheit, zur Freude.

Ja, vor allem die Freude sprühte Funken wie eine Rakete, die verspätet zündet.

 

Liebe Gemeinde,

mittlerweile ist Pfingsten für mich das wichtigste Fest im Kirchenjahr,

inhaltlich von Ostern kaum zu unterscheiden,

aber von der Wirkung für uns unvergleichlich.

Ob wir nun dieselbe Muttersprache sprechen oder nicht,

viele von uns leben ganz für sich, eingeschlossen in ihrer eigenen Blase.

Ein modernes. sprechendes Bild -

Wir lesen nicht mehr dieselbe Zeitung, besuchen nicht mehr dieselben Vereine,

veröffentlichen kein Festnetz mehr.

(Versuchen Sie mal, einen Senior telefonisch zu erreichen!)

Einerseits sind wir global vernetzt.

Aus Insta, Tiktok, Snapchat wächst der Turm zu Babel in den Himmel.

Einerseits. Andrerseits sind wir individuell vereinsamt wie nie zuvor.

Und das Leben, das echte, starke, freie Leben liegt müde daheim im Zimmer.

Da wünsche ich mir doch Pfingsten, dies Fest für Spätzünder,

das uns auf neue Wege und zueinander führt.

 

Petrus redete sich um Kopf und Kragen.

Ob seine Predigt theologisch lupenrein war, sei dahingestellt,

aber die Energie, mit der sie ankam, war unglaublich.

An Joel, den Propheten, erinnerte er, an diesen Phantasten,

bei dem die Gestirne in allen Farben rotieren wie Nordlichter,

bis sich Alt und Jung in den Armen liegen.

Von Jesus redete er – natürlich - , von dem Christus,

der Gottes Gebote beherzigte wie kein Zweiter

und das Leben und die Freiheit verteidigte gegen den Tod – mit himmlischem Erfolg!

Und David zitierte er auch, den unvergleichlichen Poeten. Psalm 16:

„Du tust mir kund den Weg zum Leben.

Bei dir ist Freude die Fülle und Wonne zu deiner Rechten ewiglich.“

Altes und Neues Testament durcheinander,

ein buntes Text-Feuerwerk, das nicht enden will,

bis die staunende Menge ihm ins Wort fällt: „Petrus, was sollen wir tun?“

 

Die hoffnungslosen sozialen Blasen sind zerplatzt

(wie die Seifenblasen, mit denen ich Frieda im Taufgespräch bei Laune hielt).

Die Kommunikationsblasen sind zerplatzt,

die Meinungsbälle, die Ansichtskugeln. Bildlich gesprochen.

Sie werden nicht mehr gegenseitig an den Kopf geworfen,

sondern in die Hand gespielt im ehrlichen Interesse an gemeinsamen Lösungen.

„Was sollen wir tun?“, fragen sie Petrus. „Offensichtlich haben wir Fehler gemacht,

Schuld auf uns geladen – und sei es, dass wir unsere kleine Welt abgeschottet haben.

Wir finden wir neu ins Leben? Gemeinsam?“ -

„Die Taufe ist das Symbol dafür!“, ruft Petrus und 3000 folgen ihm am ersten Pfingsttag,

3000 Menschen, die nicht nur verstanden haben, sondern begriffen,

dass die Freunde Gottes einen neuen Weg gehen wollen auf dieser Erde.

Verspätet, aber immerhin: die Kirche.

In der Apostelgeschichte , in der sie noch keine feste Institution ist,

nennt sie sich übrigens selbst: der neue Weg.

 

Bis heute ist die Taufe das Symbol dafür, für den neuen Weg,

den Weg in der Nachfolge Christi.

Und jede Taufe ist ein persönliches Pfingstwunder.

Friedas Taufspruch stammt aus Davids Gedichten:

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“.

So soll sie die Welt erfahren und die Kirche auch: als weiten, freien Raum.

Emmas Taufspruch hängt sich an Abraham und Gottes Versprechen für ihn:

„Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein, ein Segen für Menschen aller Völker.“

Wir nehmen die beiden Kinder mit auf den neuen Weg und teilen mit ihnen

unsere Leidenschaft für Freiheit und Wahrheit, für Menschenliebe und Fremdenfreundlichkeit und den Schutz des Planeten.

 

Am Ende des Pfingstevangeliums schreibt Lukas:

Sie trafen sich täglich und teilten alles, wirklich alles, nicht nur Brot und Gebet.

Und die Gemeinde wuchs und wuchs.

Ein Idealbild, aber doch eine Vision, die uns anspornen kann.

Brot und Gebet werden großgeschrieben in der Pfingstgemeinde,

Diakonie und Spiritualität.

Ob das ein Rezept ist für Gemeindewachstum gegen den Trend?

Eher nicht, denn es heißt ausdrücklich: Gott fügte der Gemeinde neue Gefährten hinzu.

Sein Geist. Um den können wir heute nur bitten, um ein großes Wunder für Spätzünder.

Frohe Pfingsten!

 

 

Ulrike Scholtheis-Wenzel

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