Ein Wasserfall von Licht - Pfarrerin Scholtheis-Wenzel tauft am Pfingstsonntag, 23. Mai 2021

|   Geistliches Wort zum Feiertag

 

Dies ist der Tag, den der Herr macht!
Dies ist der Tag, an dem wir endlich wieder eine Taufe feiern können

 

Wir begrüßen in unserer Mitte den kleinen Leon Friedrich Eltz
und stellen ihn unter den Einfluss Gottes.
Nichts anderes ist Taufe ja, als ein Menschenkind unter Gottes Einfluss zu stellen.
Es soll mit seinem Geist übergossen, von seinem Segen überströmt werden.
Sie merken, das ist alte Pfingstsprache : die Ausgießung des Heiligen Geistes.
Und richtig: Jede Taufe ist ein persönliches Pfingstfest.
Oder auch: Es gibt keinen passenderen Termin für die Taufe als Pfingsten.

Darum hat Georg Meistermann, der große Künstler unserer Kirche
sein Pfingstfenster direkt neben das Taufbecken platziert.
Schaut nur hin:
Wie ein Wasserfall ergießen sich Licht und Farben auf den Täufling.
Ausgerechnet von der Nordseite strömt die hellste Helligkeit in unser Haus.
Nicht eintönig, sondern fröhlich, frühlingsfarben:
Weiß und Lindgrün, Blau in allen Schattierungen, die der Himmel im Wasser spiegelt,
dazu Rot und Gelb für die Blumen am Rand. Ein bewegter Strom.
Ich denke mir: Der Heilige Geist, dieses unfassbare Wesen Gottes,
ist frische Energie und fließende Schöpferkraft.
Er ist lebendig und macht lebendig, heißt es in den alten Bekenntnissen der Kirche.
Er ist wie ein Wasserfall auf trockenen Grund.

Vor Wochen schon fiel mir ein Gedicht von Huub Oosterhuis,
einem katholischen Studentenpfarrer aus Amsterdam, in die Finger.
Und ich legte ein rotes Bändchen in mein  Buch – für dieses Pfingstfest:

„Wie ein Wasserfall von Licht,
von Freude und bewährter Hoffnung,
Einsicht und Vertrauen:
So kommst du über Menschen, und dein Wort
treibt mich nun fort.
Noch weiß ich nichts von dir,
einst werde ich dich schauen.“

Ich schaue heute auf den kleinen Leon
und wünsche ihm zu seiner Taufe genau dies:
einen Wasserfall von Licht, von Freude und bewährter Hoffnung,
Einsicht und Vertrauen.
Ich wünsche ihm Gottes guten Geist,
der ihn als sanften und mutigen Menschen aufwachsen lässt.
Leon Friedrich – sanfter Löwe – das ist sein Name.
(für mich nun ein poetischer Übergang zum Propheten Jesaja...)

Georg Meistermann ließ sich bei seinem Tauf- und Pfingstfenster
von einem Vers des Propheten Jesaja Inspirieren:

„ Ich gieße Wasser auf den ausgetrockneten Boden,
im dürren Land lasse ich Bäche fließen.
Ich gieße meinen Lebensgeist auf deine Nachkommen
und meinen Segen auf deine Sprösslinge.“

Das sind uralte Worte, zweieinhalb Jahrtausende alt,
aus der sogenannten Achsenzeit in Babylon.
Jesaja ermutigte damit eine erschöpfte und ausgebrannte Menschenschar,
Männer, Frauen und Kinder, denen in der Fremde das Lachen vergangen war,
die nach langen Belastungen die Freude am Leben verloren hatten.
Er tröstete die Mutlosen und Depressiven
mit Gottes Verheißung von einem kraftvollen inneren Lebensstrom.
Quer durch alle Zeiten rühren uns seine Worte an
und beleben die unter uns, die schon lange leiden und belastet sind.

Auch Leon und seine Eltern haben – biblisch gesprochen -
schon Wüstenwochen hinter sich.
Leons Leben begann sehr dramatisch, in Kliniken fernab des Heimatortes.
Seine Eltern lebten auf einem Campingplatz in seiner Nähe,
nicht in Babylon, aber immerhin in Bonn.
Für Familie und Freunde waren das lange bange Wochen mitten im Corona-Chaos.
Dass wir heute Leons Taufe feiern,
dass wir ihn hier, zu Hause unter Gottes Einfluss und Schutz stellen können,
ist ein Wunder, für das wir dem Schöpfer unendlich dankbar sind.

Gott spricht durch den Propheten Jesaja:

„Ich gieße meinen Lebensgeist auf deine Nachkommen,
meinen Segen auf deine Sprösslinge.“

Einen Wasserfall des Lichts und der Liebe -

Der soll Leon heute überströmen vom Himmel her.
Der soll ihn stark und tüchtig machen
zu einem Leben auf dieser wunderbaren und gleichzeitig so verletzlichen Erde.
Der soll Euch, die Eltern und Paten, übergießen,
dass Ihr Euer Kind an der Hand begleiten könnt
„aus dem Angstland zur Freiheit“.
(Noch so eine hoffnungsvolle Zeile aus Oosterhuis Gedicht).

Euch alle, Ihr Lieben, die Ihr heute diesen Pfingst- und Tauftag mitfeiert,
die Ihr aus eurem eigenen Angstland kommt,
die Ihr über ganz eigene Wüstenzeiten und Erschöpfungszustände klagen könnt
Euch alle überströme, erquicke, belebe heute und jeden Tag
der Heilige Geist, Gottes eigene Kraft in Euren Herzen.

Frohe Pfingsten!


Ulrike Scholtheis-Wenzel

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Wie eine Mutter sorgt
für Kinder, die ihr anvertraut,
und einsteht, dass sie leben:
So wirkt ein Gott der Liebe, keine Stund
verlässt er uns.
Nicht mehr verstummt das Wort,
das er uns hat gegeben.

Es nimmt uns bei der Hand,
das Wort, geduldig führt es uns
aus Angstland weg zur Freiheit.
So trocken, heiß, so unbegehbar schräg -
so hoch der Weg -
zwing mich nicht, ihn zu gehen,
wenn du nicht selbst mit nah bleibst.

Ein Wasserfall von Licht,
von Freude und bewährter Hoffnung,
Einsicht und Vertrauen:
So kommst du über Menschen, und dein Wort
treibt mich nun fort.
Noch weiß ich nichts von dir,
einst werde ich dich schauen.

Huub Oosterhuis

 

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Pfingstfenster von Georg Meistermann