Leichten Fußes – Predigtgedanken Silvester 202

Was nehmen wir mit?

Leichten Fußes über die Schwelle -
tänzerisch von hier nach dort -
flinken Schrittes mit geschürztem Gewand -

Liebe Gemeinde,
an diesem Silvester-Abend präsentiere ich Ihnen
ein kleines Kunstwerk von Annette Zappe.
Auf Ihrer Karte sehen Sie Photographien einer zierlichen Bronze-Gestalt.
Die Künstlerin selbst nennt sie „The-step-in-between“, der Schritt dazwischen.
Da stehen, da gehen wir heute.

Es lässt sich individuell betrachten, das Kunstwerk,
aber auch ekklesiologisch, also kirchlich.
Und für diese zweite Perspektive habe ich mich heute entschieden.
Denn der 31.12.2021 ist der letzte Tag der Ev. Kirchengemeinde Bad Sobernheim.
Morgen früh ist die „Gemeinde alten Herkommens“ Geschichte.
Dann steht und geht sie in einem neuen Bund mit Staudernheim
als Evangelische Paul-Schneider-Gemeinde.
Nach mehr als eintausend Jahren gehen wir als Kirchengemeinde über eine Schwelle.

„Und plötzlich weißt du:
Es ist Zeit, etwas Neues zu beginnen und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen.“

Ein Bonmot aus dem Spätmittelalter.
Der Thüringer Mystiker Meister Eckart formulierte so im 14. Jahrhundert
(700 Jahre vor Hermann Hesses Stufen-Gedicht).
„Es ist Zeit, etwas Neues zu beginnen und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen.“
Kein langer Blick zurück also, sondern ein beherzter Schritt nach vorn.
Darum geht es heute. Auf der Schwelle.
Und das schreibt uns der biblische Glaube alle Tage auf den Leib:
Bitte kein melancholisches Innehalten! (Silvester hat so einen seltsamen Sog).
Haltet dagegen! Schaut aufrecht nach vorn.
Schreitet leichten Fußes in die Zukunft.

In der letzten Presbyteriumssitzung
der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Sobernheim, am 3. Dezember,
trug mein Mann biblische Assoziationen zur Bronze-Gestalt von Annette Zappe vor:
Glauben ist per se Gehen – hebräisch: Halacha – erklärte er.
Eine Gemeinde geht voran mit Rat und Tat
oder es geht bald nichts mehr in dieser alternden Kirche!
Und so gehen wir heute als Gemeinde über die Jahresschwelle:
fröhlich und aus freier Entscheidung.
Niemand hat uns zur Fusion gezwungen.
Wir gehen einfach voran, weiter,
um Kirche für die Menschen zu sein im 21. Jahrhundert.

Was nehmen wir mit? Sub cutan – unter der Kutte?
Im Presbyterium schauten wir auf das weite Gewand, die üppige Stofffülle
und den eleganten Faltenwurf der Bronze-Gestalt.
Was lässt sich darunter alles verbergen?
Ein vergnügliches Gedankenspiel:
Was trägt unsere Ecclesia, die Evangelische Kirchengemeinde Bad Sobernheim,
über die Schwelle?

Ihre Neugier auf Nachbarn und Fremde -
ihre klare Haltung in öffentlichen Debatten -
ihr Feingespür für Nähe und Distanz, Seelsorge und Eigensinn -
ihr Leidenschaft für Musik und Literatur -
ihr Herz für Kinder und Jugendliche -
ihren Gemeinschaftssinn -
ihre Kreativität -

Ein dankbarer Strauß voller Einfälle!

Liebe Gemeinde, ich bleibe im Bild und sage:
Lasst uns gehen mit leichtem Gepäck, so wie Jesus es seinen Jüngern riet.
Ohne Koffer und Taschen, sondern leicht und aufrecht und guten Mutes.
Lieber ein bisschen spielerisch vergnügt, im eleganten Tanzschuh,
als gestiefelt und gespornt.

Dazu möchte ich heute Abend Mut machen,
leichten Fußes über die Schwelle zugehen.
Ich habe einen kirchlichen Blick auf die Bronze-Gestalt geworfen.
Aber Sie können sie natürlich auch individuell meditieren,
sich nach einem wirklich beschwerlichen Jahr
beflügeln lassen zu einem forschen, fröhlichen Neubeginn.
Für beide Perspektiven scheint mir ein Choralvers
des Thüringer Dichters Klaus-Peter Hertzsch
ein schöner Kommentar:

„Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt.
Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land.
Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit.
Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit!“

Nur wer aufbricht, nur wer über die Schwelle geht,
der kann hoffen.
Darum geht! Geht leichten Fußes in ein neues Jahr!
Gott segne Euren Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.


Ulrike Scholtheis-Wenzel

Zurück
bewegt - Annette Zappe