Gedankenanstoß zu Lukas 15, 1-7

Hüttenberggottesdienst am 16. Juni 2024

Liebster Jesu, ich bin doch kein Schaf!

Ich laufe doch nicht so zottelig herum wie diese beiden hier.

Ich stakse doch nicht so planlos durch die Weltgeschichte,

Gräselein hier, Gräselein dort.

Ich stinke nicht so.

Ich blöke nicht so dumm herum.

Zäune mag ich gar nicht und vor Hunden habe ich Angst.

Ich bin doch kein Schaf! Oder?!

 

Du Schaf! sagt Jesus zu mir und lacht.

So war das auch nicht gemeint.

Das war eine Geschichte. Ein Gleichnis. Ein Vergleich.

Verstehst du? Du bist kein Schaf. Nicht in echt.

Aber du kannst verlorengehen wie ein Schaf.

Da muss ich nicken, liebe Leute.

Ich kann nicht nur verloren gehen – wie ein Schaf,

ich bin schon verloren gegangen. Mehr als einmal!

 

Das war so:

Ich hab vor mich hingeträumt.

Ich hab nicht aufgepasst, nicht zugehört,

nicht auf die anderen geachtet.

Und plötzlich stand ich allein auf weiter Flur. Verloren!!

Keiner war da, den ich fragen konnte.

Wer das schon einmal erlebt hat, nicke mal!

Verlorengegangen aus Versehen -

 

Ein anderes Mal:

Ich hab mich in eine Idee verrannt.

Ich wollte unbedingt meinen Kopf durchsetzen.

Ich habe mich über Regeln (Zäune) hinweggesetzt. Immer weiter.

Und mir einem Mal wusste ich nicht mehr weiter,

wusste nicht mehr vor und zurück, war völlig verloren -

Der ein oder andere nickt.

 

Oder:

Ich hab mich überschätzt, meine Kräfte überschätzt.

Ich hab mehr gemacht, als mir gut tat.

Ich bin zu weit gegangen und war zu müde für den Rückweg.

Du Schaf! sage ich zu mir selbst und sitze verloren da,

von Gott und aller Welt verlassen -

Wer nickt? - Viele!

 

So gesehen, erzählt Jesus uns da

eine wunderbare Geschichte von Gott.

Gott ist – wie – ein guter Hirte.

Er sucht mich, wenn ich verloren bin.

Vielleicht habe ich selbst es noch gar nicht gemerkt,

dass ich verloren bin. Allein. Und dass es langsam dunkel wird.

Da vermisst Gott mich schon.

Da sucht er mich schon und lässt dafür 99 andere in der Wüste zurück.

Gefährlich! Verrückt eigentlich, aber ich fehle ihm so sehr.

Gott sucht mich.

Gott sucht mich, bis er mich findet. Auf jeden Fall.

 

Und wenn er mich findet, dann schimpft er nicht

über meinen Eigensinn, über meine Träumerei.

Dann verbindet er meine Wunden.

Dann nimmt er mich auf seine Schultern

und trägt mich flötend heim

und trommelt alle Nachbarn zusammen zum Fest.

Ja, ich weiß schon: Das ist ein Gleichnis. Ein Vergleich.

Aber ich verstehe sehr gut, was Jesus meint:

Gott freut sich, wenn er mich gefunden hat. Der gute Hirte -

Er ruft mich beim Namen und trägt mich heim.

So gesehen, bin ich gerne ein Schaf. Pardon: wie ein Schaf.

 

In der Bibel lese ich,

alle Sünder, alle, deren Leben einen Knacks hatte,

alle, die schon mal verloren waren – oder zweimal, oder dreimal -

alle scharten sich um Jesus, instinktiv wie Schafe um einen Hirten.

Alle. Also sehr viele. Viel mehr als die Gerechten, denke ich.

Schätzt einmal: Wie viele sind wir heute hier? -

Ich habe vorhin heimlich gezählt: 126. Mehr als die Herde in Jesus’ Geschichte.

Was meint ihr: wie viele verlorene Schafe sind dabei?

Wie viele schwarze Schafe, wie viele braune, gescheckte – und weiße?

Kann es sein, dass hier 99 verlorene Schafe sitzen 

und hier und da ein kleines gerechtes?

Dann stünde das Gleichnis auf dem Kopf.

Schafft ein Hirte das, 99 einzusammeln?

Schafft Gott das, uns alle zu suchen und zu finden? -

Ja, sagt er selbst durch den Propheten (Ezechiel 34):

„Verirrte suche ich und Verstreute sammle ich wieder ein.

Verletzte verbinde ich und Kranke mache ich stark.“

Ich finde alle und weide euch alle auf einer grünen Aue.

 

Liebster Jesu, eine letzte Frage:

Wenn ich nun ein Schaf bin – also: wie ein Schaf -

bin ich wenigstens wie ein weißes Schaf?

Rein und unschuldig und niedlich?

 

Jesus schüttelt den Kopf und lacht: Ganz bestimmt nicht.

Du bist ein schwarzes Schaf, bestenfalls gescheckt.

Oder zottelig wie diese beiden hier.

Aber freu dich! Du bleibst nie verloren.

Gott sucht dich. Gott findet dich.

Gott freut sich und zeigt dir den Weg zum Leben.

 

Ulrike Scholtheis-Wenzel

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