Gedanken zum Ewigkeitssonntag 2023

Offenbarung 21

Der dunkle Schleier der Trauer hebt sich für einen Moment

am letzten Sonntag im Kirchenjahr.

Der dunkle Schleier der Trauer hebt sich.

Ein Lichtstrahl berührt mein Gesicht, ein Schimmer aus der Ewigkeit:

 

„Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde.

Ich sah Gott alle Tränen trocknen.

Leid, Geschrei und Schmerz verloren ihren Grund. Mit dem Tod war es aus.

Ich hörte Gott sagen: Siehe, ich mache alles neu!“

 

Liebe Gemeinde der Trauernden,

der letzte Sonntag im Kirchenjahr ist die Stunde der Apokalyptik.

Nicht im oberflächlichen Sinn des Weltuntergangs.

Das hätte uns zu allem Unglück noch gefehlt.

Nein. Tiefgründig und eigentlich bedeutet Apokalyptik Enthüllung.

Diese Überschrift trägt unser letztes Bibelbuch: Die Apokalypse Jesu Christi,

die Hoffnung, die der Heiland uns enthüllt. Offenbart. Zeigt.

„Ich sah Gott alle Tränen trocknen!“, das enthüllt uns Christus heute,

uns, die wir unter dem Schleier der Trauer leben,

gefasst – fassungslos, tränenreich – leergeweint,

widersprüchlich in uns selbst. Kein Tag ist wie der andere. Wem sage ich das?!

Wir alle sind heute hier, weil die Trauer uns täglich auf der Seele lastet.

 

Im vergangenen Jahr starben in unserer Gemeinde 98 Männer und Frauen,

73 allein in Bad Sobernheim.

Davon waren 21 in ihren 90 ern, das heißt, sie wurden 1933 und davor geboren.

Sie waren schon Schulkinder, als der 2. Weltkrieg begann.

Mit ihren Söhnen und Töchtern – oft selbst schon im Rentenalter -

erinnerten wir lange, lange Lebenswege. Dankbar. Nachdenklich.

Und auch manch mühsamen Sterbensweg bedachten wir.

Nicht jeder Mensch löst sich leicht nach so vielen Jahren.

27 Frauen und Männer starben in ihren 80 ern.Sie kamen 1943 oder davor zur Welt.

Mehr oder weniger bewusst erlebten und erlitten auch sie

die Jahre der Gewalt und der Armut.

Im Rückblick staunten wir bisweilen, wie ein gefährdetes Leben

solange bewahrt blieb und soviel schaffen konnte.

25 Gemeindeglieder wurden in Friedenszeiten geboren

und durften in Friedenszeiten sterben. Sie waren zwischen 46 und 79 Jahre alt.

Aber oft war ihr Sterben dramatisch, durch schlimme Krankheit unerfüllt.

Und hier und da wurde auch das Leben so empfunden.

Am Ende – das ist meine Erfahrung -

entscheiden nicht die Lebensjahre über das Gewicht der Trauer.

Da werden wohl bittere Tränen vergossen um eine 93 jährige.

Aber bei mehr als zehn Verstorbenen  ging niemand mit zur Beerdigung.

Auch kein Pfarrer. Keine Glocken läuteten zum Abschied.

Gott allein weiß, warum.

 

Aber wir sind heute hier.

Wir wollen den Namen der Mutter hören hier in der Kirche,

den Namen des Bruders, der Ehefrau, des Freundes - und für sie beten.

Wir wollen Abendmahl feiern, gerade heute nicht allein sein

mit unseren Erinnerungen, den leichten und den schweren.

Wir verlangen nach einem Wort des Trostes,

nach einem Lichtstrahl, der uns durch diesen Tag hilft und darüber hinaus.

Christus hebt den Schleier unserer Trauer mit seinem Wort.

Für einen kleinen Moment enthüllt er uns eine große Hoffnung:

 

„Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde.

Ich sah Gott alle Tränen trocknen.

Leid, Geschrei und Schmerz verloren ihren Grund. Mit dem Tod war es aus.

Ich hörte Gott sagen: Siehe, ich mache alles neu!“

 

Die Fenster unseres Chorraums stellen uns dies Christuswort vor Augen.

Doch ist dieser Himmel mir heute fast zu strahlend, zu groß für mein betrübtes Herz.

Darum hefte ich meine Augen nur auf einen kleinen Ausschnitt, einen von 98!

Ich sehe eine Perle – strahlend weiß. Eine Träne? Ein Tor?

Im letzten Bibelbuch verschwimmt eins mit dem anderen.

Tränen können sehr wohl Tore sein in ein neues Leben.

Ich sehe eine Fülle Rottöne, vom tiefen Bordeaux bis zum zarten Rosa,

Liebe und Schmerz, jeden Tag anders vermischt,

auf Dauer lichter, leichter. Ich hoffe.

Ich sehe Grau, das strahlendem Weiß weichen muss. Ich hoffe in meiner Trauer.

 

Vergessen will ich nicht,

dass es Christus ist, der mir alle Hoffnung enthüllt.

Das hohe Mittelfenster trägt sein Monogramm: A und O, Alpha und Omega

in schmalen roten Linien. Anfang und Ende – das ist Christus für uns.

Er hat die uralten Verheißungen mit seinem Kreuz und seiner Auferstehung besiegelt.

Daran halten wir uns heute.

 

„Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde.

Ich sah Gott alle Tränen trocknen.“

 

Liebe Gemeinde, diese Verheißung ist sehr groß:

ein neuer Himmel und eine neue Erde.

Ich weiß, das umfasst Frieden und Gerechtigkeit für den ganzen Globus.

Aber ich fühle, in der persönlichen Trauer ist das heute viel zu viel.

Ich hoffe schlicht darauf, dass Gott meine Tränen trocknet

und dass meine Tage langsam leichter werden.

Und mir kommt ein letzter Gedanke:

Christus weiß sicher, wieviel Licht ich heute schon ertrage

und wieviel Schatten und Schonung ich noch brauche.

Er weiß wohl, welche Hoffnung er mir heute zumuten kann,

welchen kleinen Ausschnitt der Verheißung,

und was mein Herz noch gar nicht fassen kann.

Er hebt den Schleier meiner Trauer nur für einen Moment

und schenkt mir Licht für diesen Tag.

Und dann lässt er mich geduldig hineinwachsen in ein immer größeres Licht,

in eine Hoffnung, die alle Welt umspannt. Amen.

 

Ulrike Scholtheis-Wenze

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