Gedanken zum Buß- und Bettag 2020 von Ulrike Scholtheis-Wenzel

Zurück zur vermeintlichen Normalität oder nach vorn, hin zu einer gerechteren Zukunft?

Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben. (Sprüche 14,34)

 

Liebe Gemeinde,

in biblischen Zeiten riefen die Propheten zu Buße und Gebet.

In aktuellen Notlagen, in Krankheit und Krieg riefen sie das Volk

zur Fürbitte für die Leidenden und zur Erneuerung der Gesellschaft.

Denkt an Mose. An Jeremia. An Jona.

Und manchmal kamen die Menschen wirklich zur Vernunft und wurden verschont.

Ninive zum Beispiel war eine glückliche Buß- und Bettagsgeschichte!

 

Im kirchlichen Zeiten ordnete die Obrigkeit immer wieder Buß- und Bettage an.

Im 19. Jahrhundert wurden es so viele, dass das protestantische Preußen

den Mittwoch vor Totensonntag festlegte. Für alle Fälle.

1995 wurde der arbeitsfreie Wochentag abgeschafft zur Finanzierung der Pflegeversicherung. Die Finanzierung ging nicht auf.

Der gesetzliche Feiertag blieb verloren, der kirchliche verlor an Bedeutung.

 

Aber nun: Buß- und Bettag 2020 mitten in der Corona-Pandemie.

Dazu braucht es keine staatliche Anordnung. Da reicht der prophetische Ruf:

 

Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben!

 

Die Weisheit dieses Tages: Sprüche 14, 34.

Welche Selbstkritik ist heute fällig? Welche Gebete sind nötig am 18. November 2020?

Was genau ist nun unsere Situation?

 

Ich empfinde sie anders als im Frühjahr, beim ersten Lockdown.

Damals gab es ein großes Erschrecken über diese fremde Krankheit,

über unser Nichtwissen und unsere Verletzbarkeit.

Aber bald schon mischte sich auch ein Quäntchen Euphorie ins Entsetzen:

Alles wird gut! Wir schaffen das gemeinsam!

Wir entdecken die Familie neu, die Nachbarschaft, ja: die Demokratie!

Wir schaffen das. Wir schaffen genau jetzt Lösungen, die lange blockiert wurden.

Digitale Lösungen statt dauernder Reisen zum Beispiel,

eine echte Hoffnung im Klimastreit.

Auch in der Kirche folgte auf den Schock eine Welle der Kreativität.

Wir feierten kleine Erfolge. Wir lernten für die Zukunft.

Und wie weiter?

 

Nun erleben wir den Herbst mit dem zweiten Lockdown.

Und Müdigkeit liegt über dem Land. Abgrundtiefe Müdigkeit.

Anthropologen sprechen von der Corona-Fatigue.

Die Herausforderungen sind kaum anders als im Frühjahr,

nur ist die Ausnahmesituation ins Ungewisse verlängert.

Alle sind müde, manche depressiv, einige haben sich krank gemeldet.

Und einige krakeelen gegen alle Regeln und verbreiten immer kuriosere Mythen.

Menschen mit einer sympathischen Widerständigkeit im Blut geraten auf die quere Bahn. In jeder Familie mindestens einer.

 

Wo ist die Ahnung eines Neuanfangs geblieben,

die uns im Frühjahr durch die schwierigen Wochen half?

Was ist mit Familienzusammenhalt, Nachbarschaftsnetzwerken und Basisdemokratie?

Was ist mit Klima freundlichen Arbeitsabläufen und Urlaubsalternativen

und mit der Besinnung auf das Eigentliche?

Ging uns das Gefühl des Aufbruchs über Sommer verloren?

Im grauen November hoffen die meisten nur, alles wird genauso wie vor der Krise.

Buß und Bettag 2020:

Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben.

 

Welche Selbstkritik ist fällig? Stichwort: Gerechtigkeit!

In biblischen Zeiten war das immer ein Beziehungswort und eine Handlungsanweisung.

Es wäre gescheit, sich nicht nach der Normalität zurück zu sehnen.

So gerecht war sie ja nicht!!

Es wäre weise, Neuanfänge und Freiräume des Frühjahrs Ernst zu nehmen,

die Bedeutung von Familie und Nachbarschaft zu kultivieren,

die Veränderung der Mobilität zum Schutz natürlicher Ressourcen voran zu treiben,

die Spiritualität neu zu entdecken.

Ja, auch das! Buße tun. Aufbrechen. Auch im religiösen Sinn.

Aber wem sage ich das?

Einwurf von links, von Tobias (28) aus Leipzig:

„Ihr habt doch auch früher schon Friedensgebete gemacht.

Jetzt brauchen die Leute – wie sagt man – inneren Frieden.

Vielleicht wollen einige einfach mal beten.“

Danke, Sohn!

Zu Selbstkritik und Aufbruch gehört die innere Einkehr, daher Buß- und Bettag.

Also halten wir heute natürlich Fürbitte für die Kranken und Geängsteten,

Fürbitte für alle, die in ihrem Beruf viel riskieren:

Ärzte und Pflegerinnen, Erzieherinnen und Lehrer und Politiker.

Und wir halten Fürbitte für die, die quer denken und sich selbst verlieren.

Das wäre auch ein Neuanfang für uns.

„Nehmen wir uns ernst!“, schrieb die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr

im letzten Wochenend-Feuilleton der Frankfurter Rundschau.

Sehnen wir uns nicht zurück nach einer vermeintlichen Normalität.

Sehnen wir uns nach vorn, hin zu einer gerechteren Zukunft!

Pflegen wir die Hoffnungspflänzchen des Frühjahrs:

die neue Achtsamkeit im sozialen Miteinander, den schonenderen Umgang mit der Natur und unsere Spiritualität.

Wir kennen sie doch, die Quellen des langen Atems:

das Wort Gottes, die Musik, die Kirchenräume...

Wir kennen die Quellen und wollen uns daraus stärken lassen für eine herausfordernde Zukunft.

Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber Sünde ist der Leute Verderben.

 

Pfarrerin Ulrike Scholtheis-Wenzel

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Bild von der Menschenkette bei der Demo gegen Rechts in Dresden