„Es gibt eine Kraft aus der Ewigkeit und diese Kraft ist grün!“

Gedanken im Taufgottesdienst auf dem Disibodenberg am 7. Juli 2024

 

Staunend

steigt das Kind auf diesen Berg.

Das Kind: Hildegard, acht Jahre alt.

Das zehnte Kind, ein Gottesgeschenk.

Staunend steigt Hildegard auf den Disibodenberg,

mit hellwachen Sinnen:

Sie hört eine Drossel flöten. Sie riecht die süßen Lindenblüten.

Und sie sieht all das Grün: Löwenzahn und Brombeerranken,

Weinstöcke, Haselbüsche und Moos auf schattigen Steinen.

Hildegard staunt und erfindet ein neues Wort: Viriditas – Grünkraft.

Was das ist? - Gott in allen Dingen!

 

Staunend steigen vier Kinder auf diesen Berg:

Mathilda und Connor, Mina Lucia und Lia.

Aufgewachsen sind sie am Fuß des Disibodenbergs

und sollen nun getauft werden in all dem Grün.

Staunend stiegen sie hinauf – vorgestern schon - ,

schöpferisch griffen sie zu Pinsel und Farbe.

Schaut nur die Kunstwerke der Vierjährigen:

Connor malte einen großen Baum, den kein Sturm umpustet,

und Lia eine grüne Wiese mit versteckten Blüten.

Und schaut nur das Gemälde der elfjährigen Mathilda:

geübte Pinselstriche, Grün in vielen Schattierungen

und Vögel und Schmetterlinge und Käfer.

Zuletzt Mina Lucia – die Einjährige – ein kräftiger Grünwirbel um eine helle Mitte:

Viriditas – Grünkraft – Gott in allen Dingen.

 

Hildegard wuchs hier oben auf,

wurde in der Klause, in der Klosterschule vom Kind zur Frau

und das Kinderwort wurde zum tragenden Grund ihrer Theologie: Viriditas.

Sie steckt in allem: in Steinen, in Pflanzen, in Tieren, in Menschen.

Es ist die Grünkraft, die das göttliche Licht umwandelt in Energie für die Erde.

Vergleicht das ruhig mit der Photosynthese:

Blattgrün, Chlorophyll, wandelt Sonnenlicht um in energiereiche Biomoleküle.

Das wusste Hildegard so nicht, aber sie erfasste intuitiv:

Die Grünkraft in allen Geschöpfen wandelt das göttliche Licht um

in Heilung und Ganzsein für den einzelnen Menschen

und die Gesamtheit des Planeten. Viriditas.

 

Grün ist die Farbe der Hoffnung, Ihr Lieben,

und die fehlt heute oft im trostlosen Grau dieser Welt, in Staub und Asche.

Wir sehen die Erde leiden unter Dürre da und Fluten dort und Beton allerorten.

Wir sehen die Menschen krank werden: ausgelaugt, ausgebrannt, bitter und freudlos.

Auf diesem Berg lernen wir alle heilsame Weisheit von Hildegard.

Sie hat die Natur beobachtet und die Bibel gelesen.

Gottes erste Kreatur – so lernen wir von ihr – war die Erde selbst,

die Erde mit ihrer einzigartigen Fähigkeit, selbst Leben hervor zu bringen.

Das kann kein Mensch, kein Tier, kein Gewächs. Nur die Erde selbst.

Und wir – Menschenkinder – sind nicht die Herren dieser Erde,

sondern wurzeln in ihr und wachsen auf ihr

und schaden nur uns selbst, wenn wir die Erde nicht bestaunen und achten

und all die Arten, die mit uns darauf leben,

die mit uns darauf grünen und hoffen.

 

Ein Hinweis für theologisch Interessierte und Geschulte:

Jürgen Moltmann, Denken und Hoffen.

Bei ihm studierte ich noch einmal Grundzüge biblischer Schöpfungstheologie.

„Nur wer die Fühlung mit der Erde behält, kann den Himmel erreichen“, lese ich da.

Die Erde ist nicht einfach eine Ansammlung von Materialien und Energien.

Sie ist auch nicht einfach ein Raum eine Umwelt.

Sie ist Gottes erstes Geschöpf, mit dem er einen Bund schloss,

lange ehe ein Mensch geboren wurde.

Die Erde kann gut ohne den Menschen sein, überleben,

aber nicht der Mensch ohne die Erde.

Darum tun wir als Christenmenschen gut daran, in die ganze Grünkraft einzutauchen,

alle Geschöpfe in ihrer Eigenart zu bestaunen und nicht vom Nutzen für uns zu beurteilen

Hildegard würde sagen: Im Staunen werden wir wieder gesund,

gewinnen wir neue Hoffnung für die Zukunft der Erde. Viriditas.

Sie war eine große Theologin, diese Hildegard, keine kleine Kräuterfrau!

 

Liebe Gemeinde,

heute taufen wir Lia und Mina Lucia, Mathilda und Connor.

Wir nehmen sie mit hinein in unseren Glauben an den dreieinigen Gott.

Wir lehren sie das Staunen.

Oder besser: Wir lernen mit ihnen das Staunen über das Grün und alle Farben dieser Erde

Wir lehren sie das Hoffen.

Oder besser: Mit ihnen üben wir uns im Hoffen auf Heilung und Ganzsein.

Wir lehren sie das Handeln.

Nein: Wir fangen gemeinsam neu an, Rücksicht zu nehmen auf alles,

was mit uns die Erde bevölkert, verschließen sie nicht  mit Stein und Asphalt,

lassen sie atmen, Gottes Licht umwandeln in Hoffnung für den Planeten.

Erdenkinder sind wir alle und gerade so Gottes Ebenbilder,

berufen, in seinem Licht zu wachsen und zu grünen.

 

Staunend steigt das Kind auf diesen Berg.

Das Kind: Hildegard, die Achtjährige.

Sie sieht all das Grün und trällert Mutters Kräuterlitanei:

 

„Hamamelis, Rosmarin, Salbei, Pimpernelle,

will ich mir im Garten ziehn, liegen immer mir im Sinn,

heilen meine Seele, heilen meine Seele.“

 

Und dann singt sie – und wir alle gleich mit ihr:

 

„Es gibt eine Kraft aus der Ewigkeit

und diese Kraft ist grün!“

 

Euer Tauflied, Lia und Connor, Mathilda und Mina Lucia!

 

Ulrike Scholtheis-Wenzel

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